Auszug aus Canola - First Flight
Kapitel 1
Wäre schade um deinen Kopf
Die kühle Septemberluft peitschte wie tausend Messerstiche durch mein kaltes Gesicht. Tränen liefen unaufhaltsam meine Wange herunter und vernebelten meine Sicht. Mein Haar wehte im Wind und mein Shirt flatterte locker auf meiner Haut. Der Champagner in der halbleeren Flasche schmeckte schon längst schal und so ließ ich sie die Brüstung herunterfallen, auf die ich geklettert war. Mit zittrigen Knien folgte ich mit meinem durch die Tränen verschleierten Blick der Flasche, die geräuschlos im Los Angeles River landete und von den reißenden Fluten davongetragen wurde. Ich wollte doch nur etwas fühlen, nur ein einziges Mal wollte ich lebendig sein. Ich war noch nie verliebt, noch nie hatte ich das warme Gefühl in meiner Brust gehabt, welches das Herz höher schlagen lässt oder die Liebe einer Mutter gespürt, der das Wohl der einzigen Tochter das Wichtigste ist. Seit ich denken konnte, kompensierten meine Eltern ihre geplatzten Kindheitsträume damit, dass sie mich von einem Casting zum nächsten schleiften. Meinen ersten Werbespot hatte ich bereits mit sechs Jahren gedreht und mit der Zeit wurde die Obsession meiner Eltern immer stärker. Statt Liebe und Fürsorge zu erhalten, wurde ich ausgenommen, wie eine Weihnachtsgans. Die Besessenheit mich zu einem Star zu machen, wurde so stark, dass wir von Delaware nach Los Angeles umzogen und ich nach einigen Schulwechseln nur noch daheim unterrichtet wurde, um mich besser im Blick behalten zu können. Seit ich mich erinnern kann, habe ich nicht eine richtige Freundin gehabt, nicht einen Menschen, der länger als notwendig in meinem Leben war. Was nützte einem der ganze Ruhm, wenn es niemanden gab, der stolz auf einen war und mit dem man den Erfolg teilen konnte. Der Tränenschleier auf meinen Augen und der Alkohol in meiner Blutbahn vernebelten mir die Sinne. Meine Hand, die eben noch fest um die Flasche mit dem kühlen Nass geklammert war, verfehlte ihren Griff an der Brüstung, sodass ich beinahe das Gleichgewicht verlor und meinem Leben ein schnelleres Ende bereitet hätte als ich es geplant hatte. Mein Herz pochte für einen Moment schneller, aber der große Schock, der mich wachrütteln und von meinem Vorhaben abbringen müsste, blieb aus. Was stimmt nicht mit mir? Erneut blickte ich in die Abenddämmerung und senkte den Blick auf die reißenden Fluten unter mir und philosophierte darüber, wie schnell ich wohl fallen würde. Die meiste Angst bereitete mir nicht der Sturz, sondern die Tatsache, dass ich es vielleicht nicht richtig machte und gar nicht sterben würde. Ich stellte mir vor, wie ich - an den Rollstuhl gefesselt, unfähig alleine zu essen oder aufs Klo zu gehen - mehr von meiner Mutter abhängig war denn je. Seltsamerweise war es dieser Gedanke, der mir einen Schrecken bereitete. Ich schluckte und schloss die Augen, meine Finger fest um das kalte Metall der Sunnyslope Bridge umschlungen, genoss ich die kalte Brise, die mein Haar wehen ließ. Die Gedanken komplett ausgeblendet und nur im Hier und Jetzt befindlich schloss ich die Augen und genoss die Stille, die lediglich von dem Rauschen des Wassers unterbrochen wurde, die von den Felsbrocken im Flussbett geteilt wurde. Fest entschlossen, diesen Schritt, den ich in meinen Gedanken schon so oft durchgespielt hatte, durchzuziehen, setzte ich einen Fuß auf die nächste Sprosse des Geländers und öffnete die Augen. Auch jetzt, als ich deutlich vor mir sah, was ich gerade vorhatte zu tun, ging mein Atem ruhig und gleichmäßig. Keine Panik und keine Zweifel. Ich war mir sicher wie nie zuvor. Ich wollte endlich etwas spüren und ich wollte, dass diese verdammten Stimmen in meinem Kopf aufhörten. Die Stimmen, die mir ständig sagten, was ich zu tun hatte.
»Victoria, steh gerade. Victoria, lächle. Victoria, tu dies. Victoria tu das.« Seufzend lehnte ich mich erst nach hinten und dann schwungvoll nach vorne. Na, ist doch gar nicht so schwer. Jetzt noch einen Schritt und dann… Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, eine völlig fremde Frau stand direkt neben mir. Wo war sie auf einmal hergekommen und wieso hatte ich sie nicht bemerkt? Sie stand auf derselben Sprosse der Brücke wie ich, unsere Blicke trafen sich und ich starrte verwundert direkt in ihre tiefgrünen Augen. Auf ihren rot geschminkten Lippen blitzte ein kleines Lächeln hervor.
»Bisschen kalt zum schwimmen, hm?«, sagte sie, den Blick auf die reißenden Fluten gerichtet.
»Verschwinde!«, konterte ich, meinen Blick wieder von ihr weg auf das Wasser unter mir gerichtet. Unbeeindruckt von meiner Aufforderung, mich wieder mir selbst zu überlassen, schmunzelte sie nur amüsiert und hielt den Zeigefinger ihrer rechten Hand über unsere Köpfe in die Luft. Kurz kniff sie die Augen zusammen, als würde sie überlegen, was sie als nächstes sagte und grinste nur noch breiter, als sie in mein fragendes Gesicht blickte. Meine Augen stur auf sie gerichtet, erlöste sie mich von meiner Verwirrung.
»Ich würde sagen, bei den Temperaturen, wird das ein grausamer Tod. Wenn du Glück hast, stirbst du durch den Aufprall …«. Erneut sah sie nach unten. »… ist jedoch unwahrscheinlich, dafür ist sie nicht hoch genug.« Damit stieg sie wieder von der Brüstung, zuckte mit den Schultern und lehnte sich dann an das Geländer, auf welchem ich immer noch sicher stand. Lässig kramte sie nach ihren Zigaretten in ihrer Lederjacke und schob sich eine in den Mund. Sie hielt mir die geöffnete Schachtel hin und drehte ihren Kopf wieder in meine Richtung. »Auch eine?«, fragte sie nuschelnd, während sie bereits den Tabak entzündete. Sichtlich irritiert darüber, dass sie immer noch keine Anstalten machte, mich alleine zu lassen, schüttelte ich den Kopf.
»Wieso interessiert dich das überhaupt?«, fragte ich, immer noch überzeugt davon, in den nächsten Minuten komplett über die Brüstung zu klettern und dem Leben, welches mich so anödete, ein Ende zu bereiten.
»Tut es nicht«, sagte sie erstaunlich ehrlich und blies den Rauch, den sie zuvor genüsslich in ihre Lungen gezogen hatte in die Dämmerung. »Allerdings, da war ich eben stehen geblieben …«, führte sie ihren Vortrag weiter. »… ist sterben durch Erfrieren wirklich abartig, also, hab ich gehört!« Während ihr Blick weiter auf mir ruhte, sah ich die Brünette nicht an, sondern dachte unweigerlich an das, was sie mir eben gesagt hatte. Vor meinem inneren Auge spielte sich das Bild meines Sprungs ab und was wohl passieren würde, wenn ich im Fluss landete.
»Kein schöner Tod«, ergänzte sie, als ob diese Worte einer wildfremden Frau in meinem Kopf nicht schon genug Zweifel hervorgerufen hatten. Seltsam, sie schien sich mehr für mich zu interessieren als meine eigene Familie. Seit ich wütend vom Set verschwunden war, hatte sich mein Handy nicht einmal gemeldet, keine Nachricht und kein Anruf. Niemand sorgte sich um mich und doch suchten meine Füße gerade wieder den Asphalt unter den Sohlen. »Wäre außerdem viel zu schade um dein Köpfchen.«, fügte sie zungenschnalzend und mit einem Zwinkern hinzu. Letztendlich stand ich neben ihr, den Rücken am Geländer angelehnt, griff ich nun doch nach einer Zigarette und suchte das erste Mal seit sie hier aufgetaucht war bewusst ihren Blick. »Danke«, nuschelte ich mit dem Glimmstängel zwischen den Lippen, als sie mir Feuer gab und inhalierte einen tiefen Zug, dessen Rauch ich sofort wieder in die kühle Nachtluft blies. »Dein erster Versuch?«, fragte sie mit dem Kopf zum Fluß nickend. Erst blickte ich auf die Zigarette in meiner Hand, dann verstand ich, dass sie nicht das Rauchen, sondern mein Vorhaben meinte und schüttelte den Kopf. »Ich stand auch schon hier oben.« Damit drehte sie sich wieder um, blickte in die herannahende Dunkelheit und warf ihren Zigarettenstummel achtlos ins Wasser. Sie umgriff das Geländer und schaute in das kühle Nass. (...)