Auszug aus Nephilynn - Zwischen den Schatten
Kapitel 1
EMILY
Nervös wartete ich zusammen mit meiner besten Freundin das Ergebnis des Tests ab. Das Ticken der Uhr kam mir unendlich laut vor und die Bewegung des Sekundenzeigers zog sich wie Kaugummi. Die verbleibenden Minuten kamen mir vor wie Stunden und ich konnte es kaum ertragen. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und selbst Rachel, meine gesprächige beste Freundin, blieb stumm. Ausgerechnet jetzt. Dieses eine Mal wünschte ich mir, sie würde quasseln wie ein Wasserfall, aber es passierte nichts. Im Gegenteil. Sie starrte zusammen mit mir wortlos auf den Test. Ich hielt die Luft an, als die Zeit um war, kniff die Augen zusammen und traute mich nicht, den Test anzusehen, aber Rachel schubste mich mit ihrem Ellenbogen immer wieder an. Ich öffnete meine Augen nur einen Spalt. Wollte ich wirklich wissen, was da stand? Aber sie ließ nicht von mir ab.
»Em. Jetzt schau doch endlich!«, bettelte sie förmlich. Das und meine eigene Neugierde, sorgten dafür, dass ich mir das Ergebnis endlich anschaute: Positiv. Da stand es, schwarz auf weiß, in digitalen Buchstaben im kleinen Sichtfenster inmitten des Tests. Rachel wäre nicht Rachel, wenn sie nicht genau diesen Test geholt hätte. Ein Test, auf den man anhand von Strichen hätte analysieren müssen, wäre der Blondine zu unsicher gewesen. Dieser Test also ließ keine Zweifel zu. Schwanger. Damit war nun auch die Frage geklärt, ob mein Körper und ich überhaupt in der Lage wären, schwanger zu werden, denn nun war es passiert. Wir waren unvorsichtig, einfach weil es bei Damian (zum Glück) nie geklappt hatte und jetzt das. Mir stockte der Atem. Ich konnte nichts sagen, starrte Rachel einfach nur an und sie starrte zurück. Dann nahm ich die Hand vor meinen Mund, nachdem der erste Schock etwas verflogen war. Ich konnte nichts dagegen machen, mir liefen die Tränen. Gut, ich war sowieso nah am Wasser gebaut und ständig am Heulen, aber das hier war eine echt beschissene Situation.
»Wie sage ich das nur Kieran?«, war alles, was über meine Lippen kam, als mein Blick den von Rachel traf. An ihrem Gesichtsausdruck konnte ich zweifellos erkennen, wie überfordert sie war. Genau wie ich. Sicher wusste sie nicht, ob ich mich freute oder verzweifelt war. Es war wohl eine Mischung aus beidem.
»Ähm. Soll ich gratulieren oder fluchen?«, fragte sie mich dann, um diese unangenehme Stimmung loszuwerden. Damit entlockte sie mir doch tatsächlich ein Lächeln und ich umarmte sie. »Scheiße«, sagte ich nur leise und sie strich mir durchs Haar. »Also fluchen«, stellte sie fest und schmunzelte leicht. Ohne meine Umarmung zu lösen hob ich meinen Kopf und sah sie an. »Wenn ich nur wüsste, wie ich das Kieran beibringen soll«, wiederholte ich meine Worte und seufzte schwer. Sie gab mir einen Kuss auf die Wange und schlug vor, mich dabei zu unterstützen. Natürlich war ich darüber dankbar und erfreut, allerdings hatte ich keine Ahnung, wie wir das anstellen wollten und so zuckte ich nur mit den Schultern und lehnte dann meinen Kopf wieder an ihre Schulter. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis wir uns entschlossen hatten, meine Tränen aus dem Gesicht zu wischen und nach unten zu gehen. Dean und Kieran waren mittlerweile auch aus dem Garten zurück, sodass ihre Blicke uns trafen, als wir die Treppe herunterkamen und ich bildete mir ein, dass Kieran gehört hatte, was los war, sein Blick durchbohrte mich förmlich. Seine Frage nach meinem Wohlbefinden machte es nicht besser und auch wenn ich mit »es geht mir gut« antwortete, schien er meine Worte nicht zu glauben. Glücklicherweise ging er nicht weiter darauf ein, weil Rachel direkt realisierte , dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, um über meinen positiven Test zu sprechen.
»Emily und mir ist eben aufgefallen, dass wir ihnen noch unsere Hochzeitsfeier schulden.«, lenkte sie gekonnt ab und tatsächlich, wir hatten das seit langem geplant, aber nie durchgezogen. Es war so viel passiert in den letzten Monaten, dass das einfach untergegangen war. Mir blieb nichts anderes übrig, als sie dankbar anzulächeln, denn sie hatte die Situation gerade gerettet. Kieran und Dean sahen sich ratlos an, aber so komisch das auch klang, es erleichterte mich, dass es nicht mehr um mich und mein Wohlergehen ging. Ich musste das selbst erstmal verdauen. Es war so egoistisch von mir, Kieran nicht sofort einzuweihen, aber ich begriff das alles noch nicht. Es kam mir sehr gelegen, dass jetzt die Planung der zweiten Hochzeit von Dean und Rachel im Vordergrund stand und alles lief gut. Wir saßen am Tisch und unterhielten uns angeregt darüber, bis meine beste Freundin, die eben noch die Situation gerettet hatte, alles wieder umschmiss. Mit weit aufgerissenen Augen und einem verräterisch freudigem Grinsen auf den Wagen klatschte sie in die Hände. »Wir machen eine Doppelhochzeit.«, beschloss sie euphorisch und wäre mir nicht sowieso permanent schlecht, wäre es mir bei diesen Worten sicherlich speiübel geworden.
»Großartig«, entgegnete ich daher nur halbherzig und verdrehte die Augen. Mein Blick in die Runde verriet mir aber, dass mein genervter Tonfall nicht unbemerkt geblieben war. Die Ratlosigkeit in den Gesichtern meiner Freunde jagte mir sofort ein schlechtes Gewissen ein.
»Ich finde die Idee gar nicht schlecht«, erwiderte mein Verlobter und nickte mir beschwichtigend zu. Wenn ich ehrlich war, war der Vorschlag tatsächlich ganz gut. Nur, in dieser Situation konnte ich mich nicht darauf einlassen. In meinem Kopf ratterte es, meine eigenen Gedanken blockierten mich und meine Emotionen. Es war ja nicht so, dass ich Kieran nicht heiraten wollte, aber der Zeitpunkt könnte unpassender nicht sein. Zumal ich auch nicht als Kugelfisch in meinem Brautkleid vor den Altar treten wollte. Immer wieder drifteten meine Gedanken ab, ich machte mir Gedanken um die Zukunft, um mein Leben als Mutter und Ehefrau. War das normal? Irgendwie jagte mir das alles Angst ein. Ich war gerade mal neunundzwanzig Jahre alt und lebte in einem riesigen Haus, welches ich weder abbezahlen musste noch eine Hypothek hatte. Das war gerade hier in Woodbridge oder auch in Planary eher selten. Ich würde bald heiraten und so wie es aussah, würde ich auch bald Mutter sein.
»Emily?« ich nahm meinen Namen nur verzerrt wahr, als sei derjenige der ihn aussprach meilenweit weg, als träumte ich bloß. Erst, als ich eine Berührung auf meiner Hand spürte, zuckte ich zusammen und blickte in Kierans erschrockenes Gesicht. Seine Hand lag auf meiner.
»Alles okay?«, fragte er erneut und in mir brodelte es. Ich entzog ihm meine Hand, sprang von meinem Stuhl auf und schrie ihn unter den entsetzten Blicken von Dean und Rachel an. »Hör auf, mich wie ein rohes Ei zu behandeln. Frag mich nicht ständig, wie es mir geht.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn mit bösem Blick an. »Zum letzten Mal! Mir geht es gut.« Ich nahm natürlich das schockierte Gesicht von Kieran wahr. Er kannte mich so nicht, wie auch? Ich erkannte mich gerade selbst nicht, aber ich konnte auch nichts gegen die Emotionen tun, die in mir hochkochten. Er hielt mich fest, drückte mich an seine Brust, so wie er es immer tat, wenn ich traurig war und weinen musste. Seine große Hand ruhte auf meinem Hinterkopf, den er sanft streichelte. Jedes Mal, wenn er das tat, spürte ich seine bedingungslose Liebe zu mir und gerade in solchen Momenten fragte ich mich, wieso er mich liebte. Ich benahm mich wie eine Furie und genau das wollte ich jetzt auch sein. Ich sträubte mich gegen seine Berührungen, die mir sonst den Halt zurückgaben, wenn ich den Boden unter den Füßen verlor. Heute aber störte mich seine Nähe, sein Geruch und die Art, wie er mich ansah. All das, wonach ich eigentlich süchtig war, widerstrebte mir. Es war, als änderte sich seit dem Moment, in dem ich Gewissheit über meinen Zustand bekommen hatte, alles. Tränen stiegen in mir auf und automatisch bildete sich ein dicker Kloß in meinem Hals. Ich wollte ihn nicht von mir stoßen, aber ich musste. Ich ertrug seine Nähe nicht. Ich kämpfte gegen die Tränen, weil ich nicht noch einmal diese Frage ertrug, wie es mir ging . Ich wollte einfach nur weg und ich wollte nicht wütend sein. (...)