Auszug aus Wenn ich Gehe

Prolog

 

Es war eine milde Nacht und als ich die Treppen runter rannte, schlug mir das Herz bis zum Hals. Draußen war es dunkel und absolut geräuschlos. Lediglich die Straßenlaternen warfen kleine Lichtkegel auf den Gehweg. Ungeduldig starrte ich auf meine Armbanduhr und tänzelte von einem Bein auf das andere. Mein Blick war nach rechts, auf das Ende der Straße gerichtet. Ich wusste, dass sie von dieser Seite kommen würden und endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, konnte ich an den zwei Lichtern auf der Straße erkennen, dass sie da waren. Der kleine Bus fuhr langsam die Straße hoch und hielt am Bürgersteig, direkt vor mir. Ich atmete erleichtert aus, jetzt war der größte Teil unserer Mission schon erfolgreich gewesen. Elias stoppte den Wagen und parallel dazu öffnete sich die Beifahrertür. Nora sprang direkt auf den Gehweg und zog mich in ihre Arme. »Ist er weg?« Ich nickte und konnte nun ihrerseits ein erleichtertes Durchatmen hören. Eli lief einmal um den kleinen Bus herum und schob die seitliche Tür auf.

»Hey!«, sagte er und lächelte leicht. »Deine Sachen sind gepackt?« Erneut nickte ich und merkte, wie mein Herz wieder zu rasen anfing, als ich erneut zwei Lichtkegel von einem einbiegenden Auto sehen konnte. Panik machte sich breit. Das war nicht möglich, er konnte doch nicht wirklich schon wieder zurück sein. »Alles gut«, beruhigte mich Elias.

»Das sind zwei Kumpels von mir«, erklärte er mir dann. »Ich dachte, je mehr Leute, desto besser.« Ich nickte, denn wir mussten wirklich schnell sein. Phillipp war zwar heute Abend wie geplant in die Kneipe gegangen, um sich volllaufen zu lassen, aber ich konnte nicht wissen, wie der Abend verlaufen würde. Es konnte gut sein, dass er die ganze Nacht unterwegs war, was mir und meinen Helfern in die Karten spielen würde, aber es konnte genauso gut sein, dass er schon wieder auf dem Heimweg war. Er hatte heute sein letztes Gehalt bekommen, und wie so oft gab er sich der Illusion hin, es an einem Spielautomaten verdoppeln zu können. Je nachdem, wie erfolgreich seine Zockerei verlief, konnte es sein, dass er lange weg blieb oder bereits in wenigen Stunden alles verspielt hatte und nach Hause kam. Dann war die Hölle los, weil es natürlich meine Schuld war, dass er nicht gewonnen hatte. Ein erneuter Blick auf die Uhr verriet mir, dass Phil erst eine gute Stunde weg war, wir sollten also reichlich Zeit haben, alles zusammen zu packen und in den Bus zu laden. Das zweite Auto parkte hinter dem Bus und Elias Freunde stiegen aus. Mit dem lauten Zuschlagen der Autotüren zuckte ich zusammen. »Schht«, ermahnte sie Nora und der Fahrer schaute uns entschuldigend an. Sie begrüßten Noras Bruder mit einem Handschlag und hielten dann Nora und mir die Hand zur Begrüßung hin.

»Ich bin Gabriel.« Er zeigte mit dem Daumen hinter sich auf seinen Beifahrer. »Das ist Paul.« Ich nickte, weil ich Paul bereits flüchtig von einem Festival kannte. »Wir kennen uns!«, sagte ich mit einem leichten Lächeln auf den Lippen und Nora und ich schüttelten beiden abwechselnd die Hand.

»Dann wollen wir mal, bevor das Arschloch zurückkommt«, sagte Elias und ich funkelte ihn böse an. Auch nach allem, was passiert war, kam ich mir vor wie eine Verräterin. Ich verließ ihn in einer Nacht- und Nebelaktion, ohne Vorwarnung. Er würde nach Hause kommen und sich völlig betrunken in das leere Bett legen, denn ich wäre nicht da. Die Vorstellung, wie verletzend das sein musste, trieb mir die Tränen in die Augen. Völlig egal, was passiert war, das, was ich hier tat, war gemein und feige.

»Das wird schon«, sagte Nora. »Du tust das einzig Richtige.« Tröstend rieb sie mir über die Schulter, ehe sie sich ein paar leere Kisten aus dem Innenraum des Busses schnappte und sich auf den Weg in unseren Innenhof machte.

»Es war längst überfällig«, meinte Elias und tat es ihr gleich. »Hier lang, Jungs«, sagte er und nickte mit dem Kopf in die Richtung meines alten Zuhauses. Heute Nacht würde ich dieses Zuhause für immer verlassen. Die Wohnung, in der ich die letzten Jahre meines Lebens verbracht hatte. Die Wohnung, in der so viel passiert war. Die meisten Erinnerungen an sie waren nicht gut, das musste ich zugeben und es war schon sehr bezeichnend, dass alles, was ich besaß, in wenige Pappkartons und einen kleinen Bus passte. Es hatte lange gedauert, bis ich mich zu diesem Schritt durchringen konnte, aber jetzt musste ich es durchziehen. Ich musste gehen, sonst würde das Ganze nie ein Ende haben. Ich schloss den Keller von Karina auf, dort hatte ich in den letzten Wochen einige Sachen verstaut, von denen nicht auffallen würde, wenn sie aus der Wohnung verschwunden waren. Diese Sachen nahmen jetzt Gabriel und Paul, packten sie sorgsam in die Kartons und trugen sie zum Auto. Mit Nora und Elias stieg ich die Treppen hoch und hielt mit zittriger Hand den Schlüssel zu unserer Wohnungstür in der Hand. Natürlich fiel er mir herunter, als ich versuchte, die Haustür aufzuschließen. Es war, als befürchtete ich, er könnte jeden Moment nach Hause kommen oder die Tür aufreißen und mich für diese Aktion, die ich gerade so feige durchzog, bestrafen. Nora bückte sich nach meinem Schlüssel und schob mich dann sanft zur Seite. »Ich mach das schon«, sagte sie und lächelte leicht. Jetzt musste alles ganz schnell gehen. Nora und ich bogen ins Schlafzimmer ab und packten den Inhalt des Kleiderschrankes, der mir gehörte, in die Kartons. Paul und Gab waren perfekte Helfer und ich hatte das Gefühl, dass sie das nicht zum ersten Mal machten. Sie kamen immer im richtigen Moment zu uns in die Wohnung und trugen die fertig gepackten Kisten nach unten. Paul baute meinen Schreibtisch ab – das einzige Möbelstück, das ich mitgebracht hatte. Alles andere hatte ich verkauft, als ich zu Phillipp in seine Eigentumswohnung gezogen bin. Im Nachhinein bereute ich diesen Schritt, aber damals hatte es sich so richtig angefühlt. Selbst nachdem ich gemerkt hatte, dass seine damalige Freundin immer noch nicht zu hundert Prozent ausgezogen war, war ich mir sicher gewesen, das Richtige zu tun.

»Hallo?« Ich erschrak und zuckte zusammen, erkannte dann aber die Stimme unserer Nachbarin Karina. Sie klopfte gegen die geöffnete Eingangstür, wartete aber nicht, bis sie hereingebeten wurde. Ich verließ das Schlafzimmer und schloss die Tür hinter mir, damit Nora weiter ausräumen konnte und vor dem neugierigen Blick von Karina geschützt war. »Karina, hi!«, sagte ich erleichtert, weil ich wusste, dass sie uns nicht verraten würde.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie mich und griff selbst nach einem Karton, um zu helfen. »Ja, jetzt ist alles gut«, sagte ich mit einem leichten Lächeln, dass sie erwiderte, sobald unsere Blicke sich trafen. »Ist er mit Marius weg?«, fragte sie und trat zur Seite, damit sie den Jungs nicht im Weg stand.

»Ja, schätze, der ist auch dabei.« Ich gab ihr ihren Schlüssel zurück und wollte nicht mehr Zeit als nötig verlieren.

»Danke für deine Hilfe«, sagte ich und wirkte wohl sehr ruppig, was aber der Anspannung zu verdanken war. Ich war ihr so dankbar, dass ich meine Sachen in ihrem Keller hatte lagern dürfen. »Bitte beeilt euch. Du hast das nicht verdient«, sagte sie und trug einen Karton nach draußen. »Karina, bitte. Geh jetzt. Ich will nicht, dass er weiß, dass du mir geholfen hast«, flehte ich sie ein letztes Mal an und blickte ihr in die Augen. Endlich schien sie zu begreifen. Sie nickte. »Ruf mich an«, bat sie, als sie durch den Flur unsere Wohnung verließ und fast in die Arme von Paul gelaufen wäre.

»Wer war das?«, fragte mich Paul, der ihr neugierig nach sah. »Die Nachbarin«, erklärte ich. »Oh. Denkst du, sie sagt was?« Ich schüttelte den Kopf. Das Gute an Karina war, dass sie zwar schrecklich neugierig, aber keine Freundin von Phillipp war. Eines Abends, als er mich nach einem Streit auf die Straße gesetzt hatte und die Tür von innen verriegelte, sodass ich sie von außen nicht mehr aufschließen konnte, war sie da. Damals stand ich, nur mit kurzen Schlafsachen bekleidet, mitten im November auf der Straße. Nicht einmal die Möglichkeit, mir Schuhe anzuziehen hatte er mir gegeben. Sie hatte unseren Streit gehört und am Fenster gestanden, wie so oft. An diesem Abend war ihre Neugierde meine Rettung. Sie hatte mich hereingebeten und eine Decke angeboten und einen Tee gekocht. Seitdem war sie meine Verbündete und ich konnte immer auf sie und ihren Freund Gerrit zählen. Als ich Nora davon erzählt hatte, sagte sie, ich sollte ihn verlassen und ich war es leid. Immer wieder hatte sie auf ihm herum gehackt und gesagt, dass er schlecht für mich wäre. Dabei war ich doch Schuld, dass er so hochgefahren war. (...)