Wenn ich dich sehe

Kapitel 1 - Besessen
PHIL

Zwei Jahre. Zwei Jahre ist es her, dass diese Schlampe mich in die Hände der Bullen hat laufen lassen. Dieses Miststück und ihre jämmerlichen Freunde, was
denkt sie, wer sie ist? Ich habe alles für sie aufgegeben, mich für sie geöffnet und dann läuft sie weg? Nie habe ich eine Frau so sehr geliebt wie sie. Aber sie weiss das einfach nicht zu schätzen. Doch ich werde sie mir zurückholen. Ich werde ihr zeigen, was es heißt, mit mir zusammen zu sein und ich werde ihr beibringen, mich wieder zu respektieren. Diese undankbare Schlampe. Das liegt nur an diesen Möchtegernfreunden von ihr: Nora und Elias. Alleine die Namen sorgten dafür, dass mir spei übel wurde. Garantiert war es nur die Schuld der Beiden und deren schlechter Einfluss, der sie dazu getrieben hat, mich anzuzeigen und diesen lächerlichen Beschluss zu erwirken. Ich schüttelte den Kopf und zischte. Ihre dämliche Aktion hatte mich alles gekostet. Als ich damals festgenommen und wegen »stalkings« angeklagt wurde - was natürlich total lächerlich war, Ich wollte mir lediglich zurückholen, was mir gehörte, war ich vorbestraft und durfte mich ihr nicht näheren. Wie sollte ich mich ihr nähern, wenn ich nicht wusste, wo sie war? Ein Jahr hatten sie mir auf Bewährung gegeben mit dreijähriger Bewährungszeit, aber darauf spucke ich.
Während dieser Zeit habe ich alles verloren, meinen Job, meine Wohnung und sogar den Kontakt zu meinen Eltern und das alles nur wegen dieser Schlampe. Ihre Lügen haben mich meine Existenz gekostet. Nie werde ich den Tag vergessen, als sie in ihrem roten Kostüm in den Gerichtssaal gerufen wurde und engelsgleich zu ihrem Stuhl lief, auf den sie sich für ihre Aussage setzen sollte. Sobald ich sie sah, waren meine Sinne wie vernebelt, ich lächelte wie ein kleiner Schuljunge, weil sie immer noch so schön war und ich wusste, dass sie eines Tages wieder in meinen Armen liegen würde. Sie gehörte mir, nur mir - und das würden bald alle hier verstehen. Der Richter, kaum älter als mein Vater lauschte jedem einzelnen Wort, machte sich seine Notizen und sah Leila für meinen Geschmack ein bisschen zu ausgiebig an.
Was starrt er so, dieser alte notgeile Sack?
Ich ballte eine Faust und presste meine Kiefer aufeinander. Mit knirschenden Zähnen, blickte ich immer wieder zwischen ihm und Leila hin und her. Seine Worte prallten an mir ab, ich hörte nicht, was er sagte, welche Fragen er stellte und ich sagte auch nichts, da mein Anwalt mir genau dazu geraten hatte.
Aber ich schwöre bei Gott, sieht er sie weiter so an, reiße ich ihm den Arsch auf.
Zwischendurch wanderte ihr Blick auch mal zu mir und ich spürte noch immer dieses Feuer in ihren dunklen Augen und was es in mir auslöste. Zu gerne würde ich sie gleich jetzt und hier auf dem Richterpult nehmen und ihr zeigen, wem sie gehörte. Damals war ich bereit ihr alles zu verzeihen. Ich würde sie zurücknehmen und sie zu meiner Frau machen. Ich hatte mir geschworen, dass sie mir nie wieder weglaufen würde, dafür würde ich schon sorgen. Und jedesmal dann, wenn unsere Blicke sich trafen, wusste ich, sie dachte ganz genauso. Sie würde nach Hause kommen. Zu mir. Doch es kam anders, ihre Worte klangen so hasserfüllt und voller Angst. Tränen rannten über ihre Wangen und sie sprach über mich, als sei ich ein Monster und damit versetzte sie mir einen tiefen Stoß in mein Herz. Sie missbrauchte mein Vertrauen und dafür würde sie büßen. Ich würde ihr schon zeigen, was es bedeutete, die Frau an meiner Seite zu sein. Sie war mein Mädchen und das würde sie auch für immer bleiben. Nichts und niemand würde daran je was ändern und sie würde das auch irgendwann verstehen. Koste es, was es wolle.
Apropos niemand. Als sei es nicht schlimm genug, dass wir alle ihre verdrehte Wahrheit unserer Beziehung glaubten, wurden nun auch Elias und Nora als
Zeugen aufgerufen und tischten dem Gericht dieselben Lügen auf, die aus ihren Mund schon so unglaubwürdig geklungen hatten. Knappe dreißig Minuten später blickte ich auf das dunkle Mahagoni-Holz des Tisches, an dem ich neben meinem Anwalt saß und war mir sicher, dass der Richter mir eine milde Strafe geben würde. Wenn überhaupt. Biedermeier, der teuerste Rechtsverdreher der Stadt sicherte mir zu, dass ich straffrei hier herausmarschieren würde, da Leila keinerlei Schaden davon getragen hatte und alle Vorwürfe gegen mich nur auf reinen Indizien beruhten. Er sollte Recht
behalten. Zumindest weitgehend. Ein Jahr auf Bewährung, Sozialstunden im Tierheim und ein Annäherungsverbot auf hundert Meter.
Lächerlich.
Gerade als ich dachte, ich hätte es überstanden, traf mich direkt der nächste Schlag. Ich traute meinen Augen nicht. Sie stand dort, vor der Tür, in einer innigen Umarmung mit diesem Waschlappen. Noch bevor meine Eltern oder Biedermeier mich aufhalten konnten, stürmte ich die Steintreppen des alten Gebäudes herunter und riss ihn von meiner Frau weg. Ehe die Beiden realisierten, was gerade passiert war, verpasste ich ihm eine.
»Nimm deine Hände von ihr«, schrie ich ihn an und verpasste ihn mit meiner Faust eins auf die Nase. Was fiel diesem Schmierlappen ein, meine Freundin anzufassen? Nora schrie mich an, ich solle ihn los lassen und Leila stürmte auf mich zu. Na Endlich. Doch damit hatte ich nicht gerechnet. Statt mich zu
umarmen und mich innig zu küssen, hämmerte sie wie besessen mit ihren Fäusten auf mich ein. Immer wieder schrie sie, dass sie mich hasste. Aber ich wusste ja, dass das nicht stimmte. Es waren die Emotionen, die überkochten und sicher auch ein bisschen Reue. Aus meinem unschuldigen Rehlein, ist ein wildes Raubkätzchen geworden und das liebte ich.
Leider hatte mein Wutausbruch dafür gesorgt, dass meine Bewährungsstrafe in eine Haftstrafe umgewandelt wurde und ich nun für zwei Jahre in den Bau
wanderte. Eigentlich. Denn ich wäre nicht Phil, wenn ich nicht auch hinter den Gefängnismauern meinen Charme spielen ließ. Das erstaunliche ist, dass das
deutsche Justizsystem sogar weibliche Vollzugsbeamtinnen in einen Männerknast den lüsternen Kerlen zum Fraß vorwarfen. Nicht so bei mir. Ich war
stets höflich und zuvorkommend, sodass ich nach vierzehn Monaten, wegen guter Führung vorzeitig entlassen wurde.
Nach meiner Entlassung kam ich in eine Art Rehabilitationsprogramm, welches mich lehren sollte, mich an Regeln zu halten, meine Emotionen in den Griff zu bekommen und nicht rückfällig zu werden.
So ein Schwachsinn.
Meine Mutter hatte mir das Versprechen abgenommen, dass ich die Füße still hielt und mein Leben erst wieder in den Griff bekommen würde. Ich hatte also
keine andere Wahl, als zu tun, was von mir verlangt wurde.
Gott weiß, ich liebe sie aber sie nervt.
Natürlich habe ich ihr versprochen, mich an die Auflagen zu halten, aber das beinhaltete ja bloß, dass ich sie nicht physisch suchte. Dass ich im Internet nach
ihr recherchierte konnte mir keiner verbieten. Erst recht nicht, wenn keiner davon wusste. Aber die Raubkatze hatte dazugelernt und sich von sämtlichen
social Media Accounts abgemeldet. Ich fand sie nirgends mehr. Ihre Profile waren inaktiv und es gab keine aktuellen Fotos, aber das machte nichts. Ich würde mir wieder eigene von ihr besorgen. Es dauerte nur noch ein paar Tage, dann war meine Strafe abgelaufen und dann würde ich sie suchen und ich würde sie finden. Und dann würde sie bezahlen. Für alles, was sie mir angetan hatte. Ich würde sie bestrafen und um Gnade betteln lassen, so wie damals und dann würde sie in meinen Händen wieder schnurren wie ein Kätzchen. Leila. Meine Leila. Sie gehörte mir. Nur mir.
Aber sie musste auch büßen, wegen ihr musste ich von vorne anfangen. Ich brauchte einen neuen Job und eine neue Wohnung. Nur wegen ihr musste ich mir die Sinne betäuben, um den Schmerz nicht mehr zu fühlen, den ihr Verrat mir angetan hatte. Die tiefe Wunde in meinem Herzen, hatte nur sie verursacht und der Alkohol war zeitweise mein einziger Freund. Selbst Marius hielt sich nun für was Besseres und hatte sich von mir abgewendet. Aber das war egal, ich brauchte niemanden. Erst recht nicht, diesen Verräter, der genau wie die anderen Schwachköpfe vor Gericht gegen mich ausgesagt hat. Mildernde Umstände hatte er bekommen, da er unter meinem dominanten Einfluss gelitten habe. Ich lachte verächtlich, als ich den Schlüssel in das Schloss steckte und meine Zweizimmer-Mietwohnung am Stadtrand betrat.
»Mildernde Umstände« Worte, die noch immer in meinem Kopf widerhallten und mich fassungslos zurück ließen. Außer einer Schlafcouch und einer
Einbauküche war mir nicht mehr viel geblieben. Meine Eltern, die anscheinend nicht fassen konnten, was ich getan hatte, hatten mir den Geldhahn zugedreht und ich war mir sicher, dass sich jeder einzelne von ihnen noch umschauen würde, zu was ich alles fähig wäre. Spätestens wenn Leila wieder bei mir war, würden sie ihren Irrtum erkennen und dann würde jeder einzelne von ihnen ihren Fehler, sich von mir abzuwenden bitter bereuen. Leila war der Schlüssel zu allem. Sobald sie wieder hier wäre, würde alles gut werden. Diese Wohnung hätte den weiblichen Charme, meine abgefuckte Seele würde langsam heilen und dann würden wir viele kleine Phil’s und Leila’s in die Welt setzen und dann würde sie meinen Namen tragen: Leila Klotz. Ich wiederholte diesen Namen immer und immer wieder und stellte fest, dass er so viel besser zu ihr passte, als ihr jetziger Nachname. Ich musste sie finden - und ich würde sie zur Vernunft bringen. Mit einem klacken ploppte der Deckel meiner Bierflasche auf und ich ließ das kühle Nass meine Kehle herunterlaufen und augenblicklich kam mir eine Idee. Völlig egal, wo Leila war, ich würde sie finden und ich wusste auch genau wie. Mit einem zufriedenen grinsen, ließ ich mich auf meine Couch sinken und strich mir über meine raspelkurzen Haare auf meinem Kopf.
»Bald schon Cutie. Bald bist du wieder bei mir!« Und ich wusste auch schon genau wie ich es anstellte: Nora. Die kleine Bitch lebte immer noch hier und würde mich todsicher eines Tages zu ihr führen. Ich spürte, wie die Vorfreude auf meine Kleine bereits durch meinen ganzen Körper schoss. Ich wurde so
wahnsinnig geil, dass es mir schwer fiel mich auf etwas anderes zu konzentrieren, als darauf sie wieder mein zu nennen. Ich konzentrierte mich
darauf meinen Fokus von Leila auf Nora abzuwenden. Ich musste alles über sie herausfinden und dann würde sie mich neu ihr bringen. Ich musste nur Geduld haben. Verdammte Scheiße, seit zwei Jahren konnte ich an nichts anderes denken, als an sie. Und außer dieses eine Mal im Gericht hatte ich sie nicht mehr gesehen.
Ob sie auch an mich denkt? Bestimmt vermisst sie mich ganz genauso.
Das konnte gar nicht anders sein. Sobald sie wieder bei mir war, würde ich dafür sorgen, dass uns niemand mehr trennen konnte. Nur sie und ich. Allen voran mussten Nora und Elias weg, diese Parasiten. Nur wegen ihnen und dem Mist, den sie ihr eingebleut hatten, hatte sie mich verlassen. Das würden sie noch
bereuen.